Markt – Trends & Branchenentwicklungen

Einst bezeichnete sie Mozart als Königin der Instrumente und auch heute hat die Orgel nichts von ihrer Anmut verloren, wenn sie in Kirchen und Konzerthäusern erklingt. Dennoch musste der Orgel- und Harmoniumbau in den vergangenen Jahren starke Einbußen hinnehmen. 

Orgelpfeifen in einer Kirche.
© jms_foto, Fotolia.com
Immaterielles Weltkulturerbe:
Die Marktbereinigung hat dem Orgel- und Harmoniumbau 
gut getan.

Grund dafür sind vor allem die Sparmaßnahmen der Diözesen und Landeskirchen. Waren nach Ende des 2. Weltkrieges noch zahlreiche neue Kirchen entstanden, die jeweils auch mit einer neuen Orgel ausgestattet wurden, wenden sich viele Menschen seit der Jahrtausendwende trotz religiösen Glaubens immer mehr von der Institution Kirche ab. Die Zahl der Kirchenaustritte häuft sich und durch den demographischen Wandel sterben Mitglieder sukzessive weg. Steuerreformen und die ausbleibende Kirchensteuer führten zu einer Umverteilung der Gelder innerhalb der Kirchen; Kirchen und Gemeindezentren schließen und das Budget für den Bereich Kirchenmusik wird drastisch reduziert. Neue Orgeln werden kaum mehr in Auftrag gegeben und auch die Bereitschaft seitens der Kirchen, Etat für die Instandhaltung alter Orgeln zu investieren, sinkt.

Kirchliche Sparmaßnahmen und die Konsequenzen für den Orgelbau

Entsprechend hart traf es in den vergangenen Jahren die Orgel- und Harmoniumbauer, da die Kirchen immer noch den Hauptauftraggeber der Branche darstellen. Die Zahl der Unternehmen ging drastisch zurück. Inzwischen gibt es nur noch etwa 400 Orgelbaubetriebe in ganz Deutschland. Dazu gehören 300 Ein-Mann-Betriebe, die sich überwiegend auf Restaurierung, Sanierung und Pflege fokussiert haben, 50 mittelgroße Unternehmen mit bis zu 5 Mitarbeitern sowie weitere 50 Großbetriebe mit bis zu 50 Mitarbeitern. Und das bei rund 50.000 Orgeln, schätzt Thomas Jann, Vorsitzender des Bundes deutscher Orgelbaumeister (BDO).

Vor gut 25 Jahren sei die Branche Arbeitgeber für etwa 2.500 Menschen gewesen, heute beschäftige sie nur noch rund 1.800 Mitarbeiter. Inzwischen liegt der Umsatz der Branche bei 100 Millionen Euro pro Jahr. Das ist ungefähr ein Drittel weniger als noch vor einem Vierteljahrhundert.

Auch das Betätigungsfeld hat sich in den letzten Jahren verändert. Aufgrund ausbleibender Neubestellungen von Orgeln rückten vor allem die Restaurierung, Instandhaltung, Wartung und Stimmung vorhandener Orgeln in den Mittelpunkt. Zunehmend an Bedeutung gewinnt darüber hinaus die Schimmelpilzbeseitigung. Da Kirchen immer besser isoliert und die Orgeln nicht ausreichend belüftet werden, bieten sie idealen Nährboden für Schimmelsporen und sind immer häufiger davon befallen.

Der Orgelbau heute

Daher mussten sich die Orgelbauer neu organisieren, ihr Geschäftsfeld umstrukturieren und ihren Fokus verlagern. Durch die strategischen Anpassungen der verbliebenen Unternehmen konnte sich der Markt jedoch mittlerweile stabilisieren und auch die Kirchenmusik ist im Ansehen der Menschen wieder gewachsen. Das Interesse an der Orgelmusik und daran, das Spiel auf dem Instrument zu erlernen, erfreut sich in den letzten Jahren steigender Beliebtheit.

Noch dazu wächst die Bereitschaft auf Seiten privater Spender, Fördervereine etc., in den Erhalt der Orgeln zu investieren. Das macht es auch für die Orgel- und Harmoniumbauer einfacher, an Aufträge zu gelangen.

In erster Linie zu verdanken hat das die Branche der UNESCO. Sie hatte den Orgelbau und die Orgelmusik zunächst 2014 in das „Deutsche Verzeichnis des immateriellen Kulturerbes“ aufgenommen und 2017 schließlich zum immateriellen Weltkulturerbe erklärt.

Weiteren Aufschwung erhofft sich die Branche durch die seither verstärkte Berichterstattung in den Medien, hat sie doch auch mit dem Fachkräftemangel und Nachwuchsschwierigkeiten zu kämpfen. Derzeit würden nur etwa 130 Lehrlinge ausgebildet, so Jann. Einen Grund dafür sieht er vor allem in der Abschaffung der Meisterpflicht, weshalb er sich für deren Wiedereinführung einsetzt, denn nur so kann das Know-how der jetzige Orgelbauergeneration adäquat weitergegeben werden.

Um das Interesse an dem Beruf schon im jungen Alter zu wecken, geht der Verband mittlerweile ungewöhnliche Wege und hat ein Holzpfeifen-Modell entwickelt, das im Werkunterricht der 8. Klasse gebaut werden kann.

Investitionen in die Zukunft sollten keine Zukunftsmusik sein

Ein Teil der Klais-Orgel in der Hamburger Elbphilharmonie.
© Maxim Schulz
Moderne Orgeln widersprechen dem "verstaubten" 
Image: 
Die Orgel der Hamburger Elbphilharmonie.

Dabei bedarf es jedoch nicht nur der Nachwuchsförderung, um langfristig am Markt bestehen zu können. Auch die Ausstattung und das Leistungsangebot sind immens wichtig für die Orgel- und Harmoniumbauer. Gerade der Einsatz neuer Geräte und Maschinen oder bestimmter Software kann die Effizienz und Produktivität im Unternehmen stärken und die internen Prozesse optimieren.

Zunehmend an Relevanz gewinnen darüber hinaus technische Kenntnisse und Fähigkeiten. Bei der Restaurierung alter Instrumente entspricht die Elektronik beispielsweise meist nicht mehr den aktuellen Standards und muss daher aus Brandschutzgründen erneuert werden.

Daneben liegt die Midi-Fähigkeit von Instrumenten, das heißt die Möglichkeit, diese per W-LAN über Tablet und Smartphone zu steuern, gerade bei jungen Komponisten immer mehr im Trend. Zwar nimmt das gerade den Orgeln bis zu einem gewissen Grad ihren charakteristischen Klang, auf diese Weise können aber auch komplexe Kompositionen gespielt werden.

Um den Fortbestand der Unternehmen zu sichern und das Personal für die Zukunft zu wappnen, kommen Investitionen in Digitalisierungs- sowie in Schulungs- und Weiterbildungsmaßnahmen daher ebenfalls eine hohe Priorität zu.

Die Anschaffung neuer Tools und die Implementierung neuer Geschäftsbereiche ist zwar aufwändig und kostenintensiv, lohnt sich aber, zumal EU, Bund und Länder solche Vorhaben mit Förderdarlehen, Subventionen und Zuschüssen finanziell unterstützen.

Daneben bieten Auslandsmärkte enormes Expansions- und Umsatzpotenzial, da deutsche Handarbeit dort immer noch als hohes Gut angesehen wird. Insbesondere das Geschäft mit Asien boomt. Dort gibt es zwar nur wenige christliche Kirchen, aber es entstehen in kürzester Zeit immer wieder neue Kulturzentren und Konzerthäuser, die mit Orgeln ausgestattet werden. Allerdings hat der Orgelbau vor Ort keine Tradition, weshalb die Nachfrage nach Orgeln aus deutscher Produktion groß ist.

Möchte einem Unternehmen somit der Spagat zwischen Tradition und Moderne gelingen, muss es flexibel und anpassungsfähig agieren und sich vor allem bedarfsorientiert an den Wünschen des Kunden orientieren. Auf diese Weise können die Orgel- und Harmoniumbauer auch weiterhin alle Register ziehen.

Quellen

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