Markt – Trends & Branchenentwicklungen

Zum achten Mal in Folge konnte der Einzelhandel seinen Jahresumsatz steigern. Insgesamt 512,8 Mrd. Euro erwirtschaftete er in 2017. Das bedeutet ein Plus von nominal 4,1 %. Allerdings geht die Schere zwischen Groß und Klein immer weiter auseinander, so Josef Sankjohanser, Präsident des Deutschen Einzelhandelsverbands. Denn der größte Wachstumstreiber der Branche ist und bleibt der E-Commerce.

Das Tablett als virtuelles Einkaufsregal
© krunja, Fotolia.com
E-Commerce ist der Wachstumstreiber im Einzelhandel.

Das spiegelt vor allem das letztjährige Weihnachtsgeschäft wider. Bei einem Gesamtumsatzvolumen von 94,3 Mrd. Euro (+ 2,7 %) erzielte der Online-Handel ein Rekordwachstum von rund 10 %. Zwar waren die Händler weitestgehend mit ihren Umsatzergebnissen zufrieden, viele kleine und mittlere Unternehmen zeigten sich jedoch enttäuscht. Trotz höherer Kundenfrequenzen blieben deren Erwartungen unerfüllt.

Angesichts des digitalen Zeitalters dürfte sich diese Gewichtung auch in Zukunft noch weiter zugunsten des Online-Handels verschieben. Wenngleich der HDE für 2018 einen Branchenumsatz von 523,1 Mrd. Euro (nominal + 2,0 %) prognostiziert, entfällt das Wachstum lediglich zu 1,2 % auf den stationären Handel. Dem E-Commerce prophezeit der Einzelhandelsverband hingegen ein Wachstum von nominal 10 %. Er macht somit die Hälfte des gesamten Branchenwachstums 2018 aus.

Mehr Flexibilität, bessere Vergleichbarkeit der Preise und weniger Zeitaufwand haben dem E-Commerce bereits in den vergangenen Jahren ein enormes Wachstum beschert. Der Verbraucher ist nicht mehr gezwungen, vor die Tür zu gehen, sondern kann flexibel von unterwegs mit Tablet oder Smartphone, zuhause am PC oder entspannt abends auf der Couch seine Einkäufe tätigen. In Zahlen bedeutet das: Jeder zehnte Euro wird inzwischen im Online-Geschäft umgesetzt.

Heutzutage setzen deshalb viele große Unternehmen neben dem stationären Geschäft zusätzlich auf einen eigenen Online-Shop. Damit auch kleinere und mittlere Einzelhandelsunternehmen in Zukunft am Markt bestehen können, ist ein Umdenken zwingend erforderlich. In unserer schnelllebigen Welt, in der Zeit einen überaus wichtigen Faktor darstellt und in der Digitalisierung eine immer größere Bedeutung beigemessen wird, sind digitale Einkaufsmöglichkeiten unverzichtbar geworden.

Viele Unternehmer haben sich mit dem wandelnden Einkaufsverhalten der Bevölkerung bereits auseinandergesetzt. Einige sind noch zögerlich, andere haben sich den Veränderungen schon angepasst. Sie investieren zunehmend in den Aufbau und die Optimierung von Online-Shops, aber auch weiterhin in die stationären Ladengeschäfte. Denn diese sind aus dem Einzelhandel keinesfalls wegzudenken, da der Kunde den Gang zum Ladengeschäft immer noch bevorzugt, um die Produkte visuell realistisch sowie haptisch wahrzunehmen. Das zeigen auch Bemühungen bisher nur im Online-Geschäft tätiger Unternehmen, in den kommenden Jahren stationäre Ladengeschäfte zu eröffnen. So möchten in 5 Jahren 14 % der reinen Online-Händler auch offline aktiv sein, wie eine Studie von ibi research an der Universität Regensburg ergab.

Kunde bedient eine digitale Umkleidekabine im Future Store eines großen Sportgeschaefts in Berlin
© Mike Fuchs Fotografie
Digitale Umkleidekabine im Future Store eines
großen Sportgeschäfts in Berlin

In Zukunft muss sich der stationäre Handel jedoch anderen Anforderungen stellen als bisher. Einzelhändler müssen davon ausgehen, dass der Kunde beim Betreten ihres Ladengeschäfts bereits bestens über die gewünschten Produkte informiert ist. Daher möchte er keine Fakten vom Verkäufer erhalten, sondern eine individuelle, umfassende Beratung mit Vergleichsangeboten u.ä. Die Erweiterung um digitale Angebote, wie spezielle Kassensysteme oder elektrische Preisschilder, die zentral gesteuert werden können und dem Kunden zusätzliche Produktinformationen liefern, wirkt sich dabei auch positiv auf die Effizienz des Unternehmens aus. Spiegel in den Umkleidekabinen, die dem Kunden andere kombinierbare Kleidungsstücke zu der gerade anprobierten Jeans oder der gerade anprobierten Bluse vorschlagen oder ihn komplett am Bildschirm einkleiden, ohne dass er sich umziehen muss, machen den Einkauf außerdem zu einem Erlebnis.

Daneben gewinnen Optionen, die Online- und Offline-Vertrieb miteinander verbinden, wie Click & Collect oder der Online-Verfügbarkeitscheck, verstärkt an Bedeutung. Diese sog. Cross-Channel-Angebote sind äußerst beliebt bei den Kunden, ermöglichen sie doch einen überaus bequemen Kaufvorgang.

Klarer Trend der Zukunft sind demnach Multichannel- oder sogar Omnichannel-Tätigkeiten der Händler. Die Verknüpfung von Offline- und Online-Handel sowie etwaigen Zusatzleistungen und die attraktive Gestaltung des stationären Handels mit modernsten Technologien sind das A und O, wenn es darum geht die Konkurrenzfähigkeit auch kleiner und mittlerer Einzelhandelsunternehmen zu gewährleisten.

Für eine erfolgreiche Umsetzung von Digitalisierungsmaßnahmen im Handel 4.0 hakt es aber noch an einigen Stellen. Josef Sankjohanser betont: „Grundvoraussetzung ist eine leistungsfähige und flächendeckende Infrastruktur. Da gibt es gerade in ländlichen Regionen noch viel zu tun.“ Zudem fordert er von der Politik die Entlastung der Unternehmen, damit sie in die Digitalisierung investieren können, sowie eine praxisnahe und innovationsfördernde Gestaltung des Datenschutzes. Außerdem müsse die Attraktivität der Innenstädte erhalten bleiben. Fahrverbote und blaue Plaketten seien fehl am Platz und eher geschäftsschädigend. Immerhin 70 % der betroffenen Händler erwarten hierdurch finanzielle Einbuße, 68 % die Meidung der Innenstädte und 73 % ein Ausweichen auf den Online-Handel.

Nach den Ergebnissen der Studie „Der deutsche Einzelhandel 2017“ von ibi research, der Daten von über 2.000 befragten Einzelhändlern zugrunde lagen, bereiten aber vor allem die durch die Digitalisierungsmaßnahmen entstehenden Kosten den Unternehmern Kopfzerbrechen. Lediglich 12 % der befragten Händler steht ein gesondertes Budget für Digitalisierungsmaßnahmen zur Verfügung. 56 % nutzen das allgemeine Budget für derartige Investitionen, 8 % haben keine Gelder für Digitalisierungs-Projekte und 9 % sind gar nicht bereit, in Digitalisierung zu investieren.

Um die deutsche Wirtschaft im europaweiten und globalen Wettbewerb zu unterstützen und die Digitalisierungsbemühungen anzukurbeln, bieten deshalb Bund und Länder finanzielle Zuwendungen in Form von Förderdarlehen, Subventionen und Zuschüssen.

So unterstützt das von Seiten des Bundes initiierte Förderprogramm „go-digital“ Inhaber kleiner und mittlerer Unternehmen schon im ersten Schritt bei der reinen Auseinandersetzung mit dem Thema „Digitalisierung“. Bezuschusst werden Leistungen von Beratungsunternehmen, die den aktuellen Stand von KMU in Sachen Digitalisierung ermitteln, deren Potenziale sowie Möglichkeiten ausloten und auf diese Weise die Umsetzung von Maßnahmen zum Auf- bzw. Ausbau von IT-Systemen in den 3 Bereichen IT-Sicherheit, Internet-Marketing und digitalisierte Geschäftsprozesse anstoßen. Unter der Fokussierung auf einen gewählten Hauptbereich können bis zu 50 % des Beratertagessatzes bei einer Höchstsumme von 1.100 Euro gefördert werden. Maximal können dabei 20 Beratertage im Hauptbereich und 10 Beratertage in einem oder beiden Nebenbereichen in einem Zeitraum von 6 Monaten bezuschusst werden. Zu beachten gilt allerdings: Antragsberechtigt sind nicht die zu beratenden KMU, sondern die Beratungsunternehmen. Sie beantragen die Förderung für die begünstigen Unternehmen.

Bei der Umsetzung von verschiedensten Digitalisierungsmaßnahmen hilft dann beispielsweise der „ERP-Digitalisierungs- und Innovationskredit“ der Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW). Er richtet sich an Unternehmen der gewerblichen Wirtschaft, die mindestens 2 Jahre am Markt aktiv sind. KMU, Freiberufler sowie größere mittelständische Unternehmen, die sich mehrheitlich in Privatbesitz befinden und deren Gruppenumsatz 500 Mio. Euro nicht übersteigt, können damit zinsgünstige Darlehen für Digitalisierungsvorhaben erhalten. Inbegriffen sind u.a. Vorhaben, die den elektronischen Handel des Unternehmens vorantreiben (bspw. Entwicklung und Implementierung digitaler Plattformen, Apps und digitaler Vertriebs­kanäle), sich der IT- und/oder Daten­sicherheit widmen oder sich mit der effizienten Nutzung von Social-Media-Kanälen zur Kommunikation mit dem Kunden befassen. Der Kreditmindestbetrag beträgt 25.000 Euro. Bis zu 25 Mio. Euro können pro Vorhaben beantragt werden. Je nach Vorhaben sind daher bis zu 100 % der Investitionskosten und Betriebsmittel förderfähig.

Zudem stellt das bayrische Ministerium für Wirtschaft und Medien, Energie und Technologie in Bayern ansässigen Unternehmern mit dem „Digitalbonus“ Zuschüsse für die Entwicklung, Einführung oder Verbesserung von Prozessen, Produkten und Dienstleistungen im Bereich der Informations- und Kommunikationstechnologie zur Verfügung. Außerdem sind die Migration und Portierung von IT-Systemen oder -Anwendungen sowie Projekte zur Einführung und Verbesserung der IT-Sicherheit förderfähig.

Von den verschiedenen Förderprogrammen können somit gerade im Einzelhandel tätige KMU nachhaltig profitieren. Dabei sind die 3 genannten nur eine kleine Auswahl dessen, was die Förderlandschaft Unternehmern im Hinblick auf das Thema Digitalisierung anzubieten hat.

Mit dem passendem Förderprogramm bzw. den passenden Förderprogrammen ist es dann nur noch ein kleiner Schritt zur notwendigen Software im Back-Office, zur Digitalisierung des Warenlagers und der Einrichtung und Inbetriebnahme von Online-Shops, zur Einführung und Optimierung der IT-Sicherheit, zur Entwicklung und Installation eines Warenwirtschaftssystems als Schnittstelle zwischen Offline- und Online-Welt oder auch zur Installation digitaler Tools im stationären Einzelhandel, um den Bestand von kleinen und mittleren Einzelhandelsunternehmens zu sichern und wettbewerbsfähig zu bleiben.

Quellen:

Interviews

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Klaus Weiler und Sandra Schmidt (EIB)

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