Know-how – Alternative Finanzierungsformen

Vertreibt ein Unternehmen Produkte oder Dienstleistungen, muss es aufgrund langer Zahlungsziele oder Zahlungsschwierigkeiten des Käufers oft lange auf sein Geld warten. Das schwächt die Liquidität und erhöht den bürokratischen Aufwand. Eine mögliche Lösung für dieses Problem bietet das sog. Factoring.

Aufgeschlagenes Notizbuch mit Aufschrift Factoring, Taschenrechner und ausgedruckte Grafiken.
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Als Finanzierungsalternative steigert das Factoring unter anderem die Planungssicherheit und Liquidität von Unternehmen.

Produktions-, Dienstleistungs-, Handels- oder Handwerksunternehmen stehen regelmäßig vor dem Problem, dass offene Rechnungen durch Abnehmer bzw. Auftraggeber nicht in ihrem Sinne rechtzeitig beglichen werden. Entweder weil das vom Kunden gewählte Zahlungsziel zu weit in der Zukunft liegt oder der Abnehmer nach Auslieferung der Ware bzw. nach Durchführung der Dienstleistung plötzlich nicht mehr in der Lage ist, die offene Rechnung zu begleichen.

Kommt das Phänomen gehäuft vor oder ist die offene Rechnung überdurchschnittlich hoch, kann dies sogar zu einem Liquiditätsengpass führen. Dem Unternehmen fehlt das Geld dann mitunter an anderer Stelle, zum Beispiel für den Wareneinsatz, und der Geschäftsbetrieb wird maßgeblich beeinträchtigt.

Außerdem muss das Unternehmen bei zahlungsunfähigen Kunden vermehrt Zeit und Geld in die Debitorenbuchhaltung, das Mahnwesen und die Rechtsverfolgung, investieren, um seine Gelder zu einem späteren Zeitpunkt doch noch zu erhalten.

Eine attraktive Alternative stellt in solchen Fällen das sog. Factoring dar, bei dem die Unternehmen ihre Forderungen an einen sog. Factor, d. h. eine Factoringgesellschaft oder ein Kreditinstitut, verkaufen und durch diesen Verkauf je nach Vertragsart innerhalb von 1-3 Werktagen einen Teil der ausstehenden Einnahmen vom Factor ausgezahlt bekommen.

Wie funktioniert Factoring?

Anschaulich darstellen lässt sich das Konzept jedoch am besten an einem willkürlich gewählten Beispiel:

Ein Unternehmen ist in der holzverarbeitenden Industrie aktiv und hat sich auf die Herstellung von Büroausstattung spezialisiert. Da das Unternehmen für die ausgezeichnete Qualität seiner Produkte bekannt ist, möchte ein IT-Unternehmen für die Möblierung seiner Räumlichkeiten eine ganze Reihe an Schreibtischen, Schränken, Regalen etc. ordern. Inkl. Transport und Aufbau belaufen sich die Gesamtkosten der Bestellung auf 25.000 Euro brutto.

Nun hat das IT-Unternehmen als Zahlungsziel einen Zeitraum von 90 Tagen avisiert. Maximal drei Monate müsste das Produktionsunternehmen nach Auslieferung der Ware somit auf sein Geld warten.

Daher verkauft das Holzverarbeitungsunternehmen, der Factoring-Kunde, die offene Forderung nach Auslieferung und Rechnungslegung an eine Factoring-Gesellschaft, den Factor, und erhält im Gegenzug nach erfolgreicher Bonitätsprüfung des IT-Unternehmens, des Debitors, den Factor, und erhält im Gegenzug nach erfolgreicher Bonitätsprüfung des IT-Unternehmens, des Debitors, innerhalb von 1-3 Werktagen 80 % des offenen Bruttorechnungsbetrages abzüglich einer Factoring-Gebühr, einem Factoring-Zins und einer Prüfgebühr, die der Factor als Aufwandsentschädigung erhält.

Das IT-Unternehmen schuldet damit nicht mehr dem Holzverarbeitungsunternehmen das Geld für die bestellte Ware, sondern der Factoringgesellschaft. Standardmäßig ist diese fortan auch für Debitorenmanagement zuständig (Dienstleistungsfunktion) und haftet statt des Factoring-Kunden bei Zahlungsausfall (Delkrederefunktion).

Sobald das IT-Unternehmen schließlich seiner Pflicht nachgekommen ist und die vollständige Rechnung beim Factor bezahlt hat, erhält der Büroausstattungsproduzent die restlichen 20 % des Bruttorechnungsbetrages, die der Factor zu Beginn als Pfand einbehalten hatte.

Das Standard-Factoring im Modell.

Das Standard-Factoring

Dabei ist das Factoring keine einmalige Angelegenheit. In der Regel schließen Factor und Factoring-Kunde einen längerfristigen Vertrag ab, in dem dezidiert aufgeschlüsselt ist, wann welche Leistungen des Factors in Anspruch genommen werden. Standardmäßig beinhaltet dieser die Übernahme der Finanzierungs- und Delkredere- sowie der sog. Dienstleistungsfunktion.

Finanzierungsfunktion

Bei der Finanzierungsfunktion übernimmt der Factor die Auszahlung des Bruttorechnungsbetrages für den Debitor. Dies geschieht üblicherweise in 2 Schritten.

Im ersten Step wird nach dem Verkauf der offenen Forderungen an den Factoring-Anbieter der Kaufpreis anteilig an den Factoring-Kunden ausgezahlt, sofern die Bonität des Debitors gegeben ist. Usus ist ein Satz von 80 – 90 % der Bruttoforderung, allerdings abzüglich der Factoring-Gebühr, des Factoring-Zins und der Prüfgebühr. Erstere wird für die erbrachte Leistung des Factors auf den gesamten Forderungsgegenwert erhoben und orientiert sich am Jahresumsatz und/oder der Rechnungsgröße. Der Factoring-Zins hingegen wird nur auf die anfänglich ausgezahlte Summe erhoben und wird vom jeweiligen Factor individuell festgelegt, während sich die Prüfgebühr nach der Art des Factorings richtet und u. a. vor allem die Anzahl der Debitoren berücksichtigt.

Der zweite Teil der Auszahlung erfolgt, nachdem die offene Rechnung durch den Debitor beglichen wurde und der Vorgang abgeschlossen ist.

Delkrederefunktion

Die Delkrederefunktion zielt auf die Übernahme des Zahlungsausfallrisikos durch den Factor ab.

Gerät ein Debitor in Zahlungsschwierigkeiten und ist nicht in der Lage, die bestellten Waren bzw. erbrachten Dienstleistungen zu bezahlen, haftet nicht mehr das beauftragte Unternehmen und bleibt auf den ihm entstandenen Kosten sitzen, sondern die Factoringgesellschaft oder das zuständige Kreditinstitut.

Daher prüft der Factor zunächst grundsätzlich die Bonität des Debitors und fragt diese bei der Schufa ab, um so das Risiko eines Zahlungsausfalls auf ein Minimum zu reduzieren.

Dienstleistungsfunktion

Die Dienstleistungsfunktion des Factors umfasst die Bonitätsprüfung und das Debitorenmanagement.

Vor allem aber obliegen ihm sämtliche zeitaufwändigen Aufgaben bei Zahlungsverzug, die vom Mahn- über das Inkassowesen bis hin zur Rechtsverfolgung reichen.

Vorteile für Unternehmen

Dementsprechend ist das Factoring für Unternehmen diverser Branchen mit zahlreichen Vorteilen verknüpft: Denn durch den direkten Rückfluss eines Teils der Rechnungssumme in das Unternehmen bietet ihnen das Finanzierungsmodell ein hohes Maß an Planungssicherheit - auch bei größeren Aufträgen und Bestellungen oder langen Zahlungszielen.

Die umgehende Bezahlung eines Teils der offenen Forderung durch den Factor steigert zudem die Liquidität des Unternehmens, fördert dessen Bonität und erhöht die Eigenkapitalquote. Das ermöglicht es, die finanziellen Mittel an anderer Stelle einzusetzen, sichert den Unternehmen bessere Skonti und Rabattkonditionen im Einkauf bei ihren Lieferanten, da auch große Summen direkt beglichen werden können, und beschert ihnen eine bessere Ausgangsposition bei Finanzierungsverhandlungen mit Banken und Vergabestellen. Lange geplante Vorhaben können dadurch realisiert und die Expansion sowie die Marktdurchdringung des Unternehmens vorangetrieben werden.

Mit der Übernahme der Delkrederefunktion durch den Factor sind Factoring-Kunden darüber hinaus vom Zahlungsausfallrisiko befreit und sogar im Inkassofall des Auftraggebers bzw. Kunden finanziell abgesichert.

Zugleich entlastet die Auslagerung des Debitorenmanagements die unternehmenseigene Buchhaltung und gewährleistet ein effizienteres und produktiveres Arbeiten.

Zusammengefasst betrachtet spart die Beauftragung eines Factoring-Anbieters somit Arbeitszeit und Lohnkosten und wirkt sich positiv auf die internen Abläufe im Unternehmen aus. Das Management und die Mitarbeiter können sich auf das Kerngeschäft des Unternehmens konzentrieren und so aktiv zu dessen Erfolg beitragen.

Zu Bedenken gilt allerdings: Die Inanspruchnahme von Factoring ist nie kostenlos. Für den entstandenen Aufwand und die Vorfinanzierung wird der Factoring-Anbieter vom Factoring-Kunden über die Factoring-Gebühr, den Factoring-Zins und die Prüfgebühr entlohnt. Deren Höhe lässt sich jedoch nicht pauschalisieren, da sie von Anbieter zu Anbieter und Factoring-Kunde zu Factoring-Kunde individuell variieren und von vielen verschiedenen Faktoren, wie u. a. dem Jahresumsatz, dem Rating des Unternehmens, der Höhe des jeweiligen Rechnungsbetrages, der Anzahl der Debitoren oder deren bisheriger Zuverlässigkeit beim Begleichen der offenen Forderungen, abhängen.

Auch die Art des Factorings wirkt sich in der Regel auf die anfallenden Kosten aus. Wählt ein Unternehmen beispielsweise das Stille Factoring, bei dem die Abtretung der Forderungen an einen Factoring-Anbieter auf der Rechnung nicht ausgewiesen wird, ist dies meist kostspieliger als Offenes Factoring, bei dem dies nach außen gespiegelt wird.

Weitere Factoring-Varianten

Inzwischen gibt es jedoch auch andere Factoring-Varianten, die nicht alle 3 Komponenten beinhalten und somit kostengünstiger sind gegenüber dem Standardfactoring: So gibt der Factoring-Kunde beim sog. Inhouse-Factoring nur die Finanzierungs- und die Delkrederefunktion an den Factor ab und führt das Debitorenmanagement weiterhin selbst im eigenen Haus durch.

Beim Fälligkeitsfactoring werden nur die Delkrederefunktion und das Debitorenmanagement outgesourct. Bis zur festgelegten Frist schuldet der Debitor somit weiterhin dem Factoring-Kunden die offene Rechnungssumme, der Factor jedoch übernimmt das Ausfallrisiko und entlastet das Unternehmen bei der Buchhaltung, dem Mahn- und Inkassowesen sowie der Rechtsverfolgung.

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